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Notplattenmünze 1715 Drucken E-Mail
Geschrieben von: Dr. Torsten Fried   
Saturday, 09 February 2008 19:26

"Rüstkammern, Galerien und Mu­seen, zu denen nichts hinzugefügt wird, haben etwas Grab- und Ge­spensterartiges; man beschränkt sei­nen Sinn in einem so beschränkten Kunstkreis, man gewöhnt sich solche Sammlungen als ein Ganzes anzuse­hen, anstatt daß man durch immer neuen Zuwachs erinnert werden soll­te, daß in der Kunst, wie im Leben, kein Abgeschlossenes beharre, son­dern ein Unendliches in Bewegung sei. "1 Diese Worte gehen auf keinen Geringeren als Johann Wolfgang von Goethe zurück. Auch wenn das Handbuch der Allgemeinen Museolo­gie von 1996 dem entschieden wider­spricht,2 können sie doch diesen Bei­trag zu einer Neuerwerbung des Schweriner Münzkabinetts auf das Trefflichste einleiten. Unbestritten bildet der weitere Ausbau der Bestände durch eine zielgerichtete Erwerbung­stätigkeit ein wichtiges Feld musealer Arbeit. In den von Museen herausge­gebenen Jahrbüchern und ähnlichen Periodika finden sich dazu entspre­chende Angaben.

Nimmt man beispielsweise das Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dres­den zur Hand, so gewährt es einen in­struktiven Einblick in den sich stetig ver­größernden Bestand des Münzkabinetts: Im Jahr 1998 belief sich der Erwerb auf 1892 Stücke, im folgenden Jahr konnten 1116 Stücke durch Kauf oder Schen­kungen hinzugewonnen werden.3 Eine ausschließlich quantitative Erfassung bliebe jedoch einseitig und würde quali­tative Aspekte gänzlich außer Acht las­sen. Im Tätigkeitsbericht des Dresdner Kabinetts erfahren deshalb besonders er­wähnenswerte Stücke eine Beschrei­bung.

Für das Schweriner Münzkabinett lassen sich Zahlen in einer Größenordnung wie sie das Dresdner Kabinett vorweisen kann, zwar nicht vermelden, aber in der jüngsten Vergangenheit konnten den­noch verschiedene Neuzugänge reali­siert werden, die die Sammlung auf aus­gewählten Feldern um wertvolle Stücke erweitern. In diesem Zusammenhang sei an die Medaille auf die mecklenburgi­schen Landesunruhen 1718 erinnert, die sogenannte Bienenkorbmedaille, von der 1998 eine bis dato unbekannte Vari­ante angekauft wurde.4 Weiterhin konn­te ein doppelter Glückstaler von Herzog Adolf Friedrich I. von Mecklenburg­Schwerin (1610-1658) käuflich erwor­ben werden, der nachweislich aus der berühmten Sammlung Gaettens stammt.5 Der Ankauf erfolgte nicht zuletzt aus dem Grunde, dass das Münzkabinett bis 1945 über zwölf Exemplare dieser weit über das mecklenburgische Münzwesen hinaus bekannten Glückstaler verfügte, die aber von ihrem Auslagerungsort Plau am See nicht zurückkehrten und seitdem als kriegsbedingt vermisst gelten.6 Damit erklärt sich ein wichtiges Motiv, das der Erwerbungstätigkeit des Schweriner Münzkabinetts zugrunde liegt, nämlich die durch den Zweiten Weltkrieg be­dingten Verluste wieder auszugleichen. Das bedeutet jedoch keinesfalls, die Su­che nach diesen Münzen und Medaillen nicht weiterzubetreiben. Weil naturge­mäß für die Auslagerung die wertvoll­sten Stücke ausgewählt worden waren, ist deren Neuerwerb mit dem Einsatz be­trächtlicher finanzieller Mittel verbun­den. Dabei ist offenkundig, dass die knappe Haushaltslage der öffentlichen Hand diesem Unterfangen, das gilt gleichwohl für Ankäufe aller Art, enge Grenzen setzt.

Deshalb ist es um so erfreulicher, dass es jetzt gelungen ist, die Schweriner Sammlung auf außergewöhnliche Weise zu bereichern. Auch in diesem Fall gibt es einen Bezug zu den seit 1945 vermis­sten Münzen, auf den weiter unten noch eingegangen werden soll. Zuvor ist es aber angezeigt, den Neuerwerb vorzu­stellen. Es ist dies eine 1715 in Wismar entstandene 32-Schilling-Notplatten­münze. Die Vorderseite weist in der Mit­te einen Zirkel auf, darin heißt es 3 2 / SCHILL / WlSM [dahinter übereinander zwei Sterne]. Außerhalb des Zirkels stößt man oberhalb der Wertangabe auf das halbe Stadtwappen Wismars sowie auf die Buchstaben N über W (Necessi­tas Wismariensis). An den vier Ecken der Plattenmünze sind die Zahlen 1 - 7 /1 - 5 angeordnet, die zusammengenom­men die Jahreszahl ergeben. Auf der Rückseite lässt sich eine Gravur nicht ausmachen. Das Stück aus Kanonen­bronze weist eine Größe von 116,3 x 110 mm auf, es verfügt über ein Gewicht von 1417 g.

32 - Schilling - Notplattenmünze aus Wismar von 1715

Diese Notmünze konnte auf der am 19. und 20. Juni 2001 in Osn­abrück durchgeführten 66. Auktion der Münzenhandlung Fritz Rudolf Künker (Losnummer 2114) erworben werden. Sie gehörte einst zur Sammlung des Wismarer Kunstsammlers David Thor­mann (1806-1879).

In dem 1998 von Michael Kunzel vor­gelegten Standardwerk zu den Münzen der Hansestadt Wismar beleuchtet der Autor ausführlich die Geschichte der Notplattenmünzen.7 Deshalb dürfte es an dieser Stelle genügen, den historischen Hintergrund einer solchen Emission und ihre Abwicklung überblicksartig zu skizzieren.

Unbestritten gilt Wismar nach Rostock als zweitwichtigste Hafenstadt an der Ostsee.8 Eng in das hansische Handels­system einbezogen, gründete sich der Wohlstand der Stadt auf den Fernhandel sowie das Brauereigewerbe und die Wollweberei. Der Niedergang setzte mit dem Dreißigjährigen Krieg ein; im Westfalischen Frieden 1648 fiel Wismar mit der Insel Poel und Neukloster an Schweden. Unter diesem "Vorzeichen" konnte sich die Stadt den Auseinander­setzungen nicht entziehen, die die eu­ropäischen Mächte um die Vorherrschaft im Ostseeraum führten, welche letztlich im Nordischen Krieg (1700-1721) kul­minierten. Nach dem Sieg der Russen über die Schweden 1709 bei Poltawa gingen Preußen, Sachsen, Dänen und Russen gegen schwedische Besitzungen vor, und damit auch gegen Wismar: Die Jahre 1711 und 1712 brachten für die zur Festung ausgebauten Stadt monate­lange Belagerungen und Besetzungen.9 Die dritte Belagerung erfolgte durch Dä­nen, Preußen und Hannoveraner und dauerte vom 26. Juni 1715 bis 23. April 1716.

Aufgrund des einsetzenden Geldman­gels in der eingeschlossenen Stadt wur­de im September 1715 zum einen die Gegenstempelung des umlaufenden Sil­bergeldes zur Erhöhung auf den doppel­ten Wert angeordnet. zum anderen initi­ierte man die Prägung von kupfernen 3­Pfennig-Münzen. Als sich im Dezember abzeichnete, dass der Mangel an Geld mit diesen Maßnahmen nicht behoben werden konnte, ging man dazu über, nach schwedischem Vorbild Platten­münzen zu gießen. Das erforderliche Metall für diese in verschiedenen Nomi­nalwerten ausgebrachten Notmünzen lieferten unbrauchbar gewordene Kano­nen. Eine solche Vorgehensweise war durchaus nicht unüblich. In der Münz­geschichte tauchen mitunter Bronze­gussmünzen auf, bei denen als Vormate­rial Glocken, Kanonen und andere Ge­genstände verwandt wurden. Exempla­risch kann auf 1- und 2-Para-Münzen verwiesen werden, die während der rus­sischen Besetzung der Moldau und Walachei in den Jahren 1768 bis 1774 aus erbeuteten türkischen Kanonen ent­standen sind.10

Heute gelten die Wismarer Notplatten­münzen als ausgesprochen selten, insbesondere diejenigen mit hohen Nominal­werten. Bei Münzsammlern sehr be­gehrt,11 sind sie auch in öffentlichen Sammlungen nicht häufig anzutreffen. Was die Plattenmünze zu 32-Schilling angeht, so kennzeichnete schon Grimm das Vorkommen der von ihm verzeich­neten Stücke (Nr. 734 und 735) jeweils mit der Einstufung RRRR, was heißen soll, "dass das Stück nur in 1 bis 3 Exemplaren bekannt ist".12 Kunzel konn­te sie in Stockholm (mit und ohne Rück­seitengravur) und Uppsala nachweisen.13 Weiterhin vermerkt er, dass sich bis

1945 drei Exemplare in Wismar befan­den, die seitdem als Kriegsverlust zu be­klagen sind. Mit dem nun für das Schweriner Münzkabinett aus der Sammlung Thormann erworbenen Ex­emplar beläuft sich die Zahl der in öf­fentlichen Sammlungen ehemals bzw. jetzt noch vorhandenen 32-Schilling­Notplattenmünzen auf insgesamt sieben. In der Dokumentation der kriegsbedingt vermissten Kunstwerke des Mecklen­burgischen Landesmuseums in Schwe­rin ist eine Notplattenmünze verzeich­net, wobei es sich um das 4-Schilling­Stück handelt.14 Weitere sechs Notplat­tenmünzen wurden nur aufgelistet, ohne dass eine zweifelsfreie Identifikation vorgenommen werden konnte, da die In­ventarnummern in der Verlustliste fehl­ten. Nach neuerlichen Recherchen ist es nun möglich, diese Stücke näher zu be­schreiben.15 Von besonderem Interesse dürfte sein, dass sich darunter ein 32-­Schilling-Stück befand, eine Tatsache, die bisher ganz und gar unbekannt war. Es war im Juni 1933 durch Ankauf an das Schweriner Münzkabinett gelangt. Den jetzt vorliegenden Unterlagen ist zu entnehmen, dass die Notmünze im Juni 1933 aus altem Familienbesitz des Mi­nisterialdirektors a. D. Jasper von Prol­lius (1868-1933) in Schwerin für 400 RM gekauft worden war. Somit erhöht sich die Zahl der in öffentlichen Samm­lungen nachweisbaren 32-Schilling-Not­plattenmünzen um ein weiteres Exem­plar auf acht.

Wie bereits erwähnt, stammt die nun zum Bestand des Schweriner Kabinetts gehörende 32-Schilling-Notplattenmün­ze aus der Sammlung Thormann. Dies ist aber beileibe nicht das erste Stück, das das heutige Staatliche Museum Schwerin aus der äußerst qualitätvollen Sammlung des Wismarer Kaufmanns er­worben hat. Bereits vor über einhundert Jahren (1891) glückte dem damaligen Direktor Friedrich Schlie (1839-1902) ein Ankauf, der Möbel, Porzellan, Fay­encen, Gläser und insbesondere Gemäl­de umfasste. Allein 31 Werke niederlän­discher Maler, 13 der deutschen und drei der französischen Schule gehörten dazu, darunter die Replik nach dem berühm­ten Gemälde von Pieter Bruegel d. Ä. (um 1525/30-1569) "Die Predigt Johan­nes des Täufers".16 Eine spätere Ehrung von David Thormann in Form der An­bringung einer Gedenktafel im Meck­lenburgischen Landesmuseum wurde aus verschiedenen Gründen nicht reali­siert.17 Die Erwerbung der 32-Schilling-­Notplattenmünze bietet aber eine ausge­zeichnete Gelegenheit, mit dem hier ab­gebildeten Entwurf zu dieser Tafel an David Thormann zu erinnern.

 

Dr. Torsten Fried

Museum Schwerin, Münzkabinett

Alter Garten 3

19055 Schwerin

veröfftlicht in NNB April 2002 und Mitteilungen des Museumsverbandes MV

Anmerkungen

1 Johann Wolfgang von Goethe: Winckelmann. In: Goethes Werke, hrsg. im Auftrage der Großherzo­gin Sophie von Sachsen (Weimarer Ausgabe), Bd. 46. Weimar 1891, S. 49f.

2 Friedrich Waidacher: Handbuch der Allgemei­nen Museologie (Mimundus, Wissenschaftliche Reihe des Osterreichischen TheaterMuseums, 3). 2. Aufl. Wien/Köln/Weimar 1996, S. 341.

3 Paul Amold: Bericht Münzkabinett. In: Jahrbuch der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, Bd. 27, 1998/1999, S. 150 und 246.

4 Torsten Fried: Die Medaille. Kunstwerk und Er­innerung. Kommentierter Katalog zu Beständen des Schweriner Münzkabinetts. Schwerin 2000, Nr.8.

5 Felix Schlessinger: Versteigerungskatalog vom 7. Dezember 1931. Münzen und Medaillen von Mecklenburg, Rostock/Wismar (Sanunlung Dr. Richard Gaettens). Berlin 1931, Nr. 187 und Tafel IV.

6 Torsten Fried: Dokumentation der kriegsbedingt vermißten Kunstwerke des Mecklenburgischen Landesmuseums in Schwerin, 2: Münzen, Me­daillen, Orden, Ehrenzeichen. Schwerin 1998, Nr. 15-18, 20-22, 24-28.

7 Michael Kunzel: Die Münzen der Hansestadt Wismar 1359 bis 1854. Münzgeschichte und Ge­prägekatalog (Wismarer Studien zur Archäologie und Geschichte, 6, zugleich Berliner Numismati­sche Forschungen, NF 7). Wismar/Berlin 1998, S. 121-127 und 314-316.

8 Zur Geschichte Wismars vgl. al1gemein Antje­kathrin Graßmann: Wismar. In: Handbuch der his­torischen Stätten Deutschlands, Bd. 12: Mecklen­burg/Pommern, hrsg. von Helge Bei der Wieden und Roderich Schmidt. Stuttgart 1996, S. 133-139, mit weiterführender Literatur.

9 Vgl. Wolf Karge, Ernst Münch und Hartmut Schmidt: Die Geschichte Mecklenburgs. 3. Auf!. Rostock 2000, S. 87.

10 Vgl. Peter Hammer: Metall und Münze. Leip­zig/Stuttgart 1993, S. 121.

11 Vgl. Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), S. 127.

12 Eduard Grimm: Münzen und Medaillen der Stadt Wismar. Berlin 1897, S. 3.

13 Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), S. 315.

14 Fried, Dokumentation (wie Anm. 6), Nr. 348. Nach heutigem Wissensstand handelte es sich al­ler Wahrscheinlichkeit nach um eine Fälschung.

15 Die ergänzenden Angaben liefert der Anhang.

16 Vgl. Hans Strutz: Staatliches Museum Schwe­rin. Museums-Kompendium. Leipzig 1984, S. 15.

17 Vgl. Akte "Ankauf Sammlung Thormann", Ak­tennummer 6.0003, im Archiv des Staatlichen Mu­seums Schwerin. Darin ebenso der abgebildete Versicherungsantrag für den Transport von Kunst­gut aus der Sammlung Thormann von Wismar nach Schwerin vom 5.10. 1891

Anhang

Die im Münzkabinett Schwerin bis 1945 vorhandenen Wismarer Notplattenmünzen von 1715 ­Nachtrag zur ,;Dokumentation der kriegsbedingt vermißten Kunstwerke des Mecklenburgischen Landesmuseums in Schwerin, Bd. 2: Münzen, Me­daillen, Orden, Ehrenzeichen. Schwerin 1998". In der Verlustliste wurden den Nummern 482 bis 487 sechs Wismarer Notplattenmünzen ohne entspre­chende Inventarnummern zugeordnet, allerdings lassen sich jetzt sieben derartige Notmünzen er­mitteln, die als kriegsbedingt vermisst zu gelten haben. Eine Erklärung für diese Unstimmigkeit kann nicht geliefert werden. In den aufgefundenen Dokumenten wird bei allen Stücken das Material mit Bronze angegeben, die Gewichtsangaben feh­len. Die hier vorgenommene Beschreibung be­schränkt sich auf die Inschrift der Vorderseite.

32-Schilling Notmünze, 114 x 130 mm, Inschrift: 32/ SCHILL / WISM [dahinter drei Sterne], Inv.­Nr.: Mü 262, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 327

16-Schilling Notmünze, 104,5 x 101,5 mm, In­schrift: 16/ SCHILL * / WISM [dahinter drei Ster­ne], Inv.-Nr.: Mü 1439, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 328

16-Schilling Notmünze, 86,5 x 83 mm, Inschrift: 16/ SCHILL * / WISM [dahinter drei Sterne], Inv.­Nr.: Mü 1440, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 328

8-Schilling Notmünze, 79,5 x 77 mm, Inschrift: 8 / SCHILL* / WISM [dahinter drei Sterne], Inv.­Nr.: Mü 1441, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 329

8-Schilling Notmünze, 85 x 70,5 mm, Inschrift: 8 / SCHILL* / WISM [dahinter drei Sterne], Inv.­Nr.: Mü 1442, Vermerk auf der Karteikarte: Fäl­schung, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 329

8-Schilling Notmünze, 86 x 85 mm, Inschrift: 8 / SCHILL! WISM, Inv.-Nr.: Mü 1443, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 329

4-Schilling Notmünze, 59 x 51,5 mm, Inschrift: 4 / SCHILL* / WISM [dahinter drei Sterne], Inv.­Nr.: Mü 1445, Lit.: Kunzel, Wismar (wie Anm. 7), Nr. 330 A

Fotos: Gabriele Bröcker, Schwerin

(unentgeltliche Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung durch den Autor)

 

 

 

Zuletzt aktualisiert ( Saturday, 09 February 2008 20:31 )